12. Feb 2015

Schweizer Bildungspolitik out-the-box gedacht!

12. Februar 2015 – Wir stehen mit dem Internet erst ganz am Anfang einer weltverändernden Entwicklung. Nicht umsonst leben wir im Internetzeitalter. Vielleicht muss man sich dessen wieder bewusster werden.

Über die Wichtigkeit von IT-Kenntnissen:

Wir leben in einer Zeit, die man sich vor bloss 15 Jahren so nicht hätte vorstellen können. Wir benutzen Mobiltelefone, die uns wichtige Informationen in Echtzeit beschaffen. Selbst ohne Knopfdruck wissen wir, dass Präsident Obama eine Rede gehalten, dass Konflikt XY eine neue Dimension erreicht oder dass das Parlament die neue Energiepolitik verbschiedet hat.

Der Türsteher am Eingang des Nachtclubs verwendet ein Tablet, um die Gästeliste zu aktualisieren und Eintritte zu zählen. Vor fünf Jahren dachte niemand an Tablets, schon gar nicht vor dem Eingang eines Clubs. Von Smartwatches wird bereits gesprochen und was danach kommt, mag man nur erahnen.

Wir stehen mit dem Internet erst ganz am Anfang einer weltverändernden Entwicklung. Nicht umsonst leben wir im Internetzeitalter. Vielleicht muss man sich dessen wieder bewusster werden.

In den neunziger Jahren malte man sich erstmals aus, was man alles mit dem Internet, diesem namensgebenden Ding für ein ganzes Zeitalter, so anstellen könnte. Unternehmen, die nur im Entferntesten etwas damit zu tun hatten wurden total überbewertet und mit der Ernüchterung, dass es vielleicht doch nicht so einfach ist, stürzte das Ganze in sich zusammen. Abermilliarden wurden vernichtet – 2001 platzte die Dotcom-Blase. Seither ging man mit dem Internet vorsichtiger um. Wohl entwickelten sich sehr einflussreiche Konzerne, die mittlerweile zu den teuersten der Welt gehören, von einem Internethype mag man aber nicht mehr sprechen. Liegt es an den verlorenen Milliarden? Ist es bereits Alltag? Gerade im europäischen Raum spricht man mit einiger Distanz über die Internet- und IT-Sache. Wohl vielleicht auch deshalb, weil der zahlenmässige Vergleich zwischen europäischen und amerikanischen IT-Giganten klar zugunsten Letzterer ausfällt?

Dass man nicht intensiver darüber spricht, tut der Wichtigkeit der Sache jedoch keinen Abbruch. Gerade in der Bildungspolitik müsste man sich der Sache viel bewusster werden. Wir stehen erst ganz am Anfang einer weltverändernden Entwicklung. Nicht umsonst leben wir im Internetzeitalter. Es ist höchste Zeit, die Sache ernst zu nehmen.

Was machen erfolgreiche Volkswirtschaften aus? Wir in der Schweiz sollten das wissen. War es ja gerade die Schweiz, die im ausgehenden 19. Jh und während grossen Teilen des 20. Jh. eine unglaubliche Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat. Es waren nicht etwa – wie in gewissen Kreisen oft behauptet – zwielichtige Geschäftstätigkeiten unserer Banken oder Ausbeutung armer Länder sondern die Innovations- und Schaffenskraft des industriellen Unternehmers. Dieser konnte aufgrund günstiger politischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse entstehen und so Wert schaffen. Einen so grossen Wert, dass wir rund 150 Jahre danach noch davon profitieren können. Übrigens: Die Zuwanderung spielte auch da eine zentrale Rolle.

Ein nicht unwesentlicher Teil geht aber auch auf die Bildungspolitischen Verhältnisse der damaligen Zeit zurück. Bereits im frühen 19. Jahrhundert wurde klar, dass die Bildung auf „nützliche Fächer“  umgestellt werden musste und somit die wesentliche Grundlage für den unternehmerischen Erfolg des industriellen Unternehmers geschaffen wurde. Sekundarschulen stellten sicher, dass auf den in den Primarschulen erworbenen Elementarfähigkeiten weitere für die höhere vor allem auch technische Ausbildung erforderliche Fähigkeiten wie geometrisches Zeichnen, Geografie und Geschichte erforderliche Fachkenntnisse ausgebildet wurden. Nur so war der Unterhalt und die Weiterentwicklung der technologischen Innovationen sicherzustellen.

Man muss sich die frühen 1800er Jahre als Zeit einer grossen Transformation vorstellen. War die Menschheit zuvor ausschliesslich von ihrer und der Tiere Muskelkraft abhängig, kamen in dieser Zeit Hilfsmittel auf (Dampfmaschine, Elektrizität, Brennstoffe), welche die westliche Zivilisation von dieser Abhängigkeit befreiten und in ein neues Zeitalter katapultierten. Dies schuf denn auch neue Abhängigkeiten.

Man stelle sich vor, wo eine Sulzer hingekommen wäre ohne das Winterthurer Technikum, das auch nur Ingenieure ausbilden konnte, weil die Studenten richtig schreiben und lesen konnten – Latein, Griechisch und Bibelkunde waren da weniger massgebend. Wo wir vorher von unserer körperlichen Leistungsfähigkeit abhängig waren, waren wir nun von den technischen Geräten abhängig. Wir mussten uns neu damit beschäftigen und unsere Institutionen darauf ausrichten. Wem das gelang, dem war wirtschaftlicher Wohlstand beschieden. Es ist kein Zufall, dass die wohlhabenden Nationen dieser Welt heute Industrienationen heissen.

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Die City-Halle in Winterthur vor ihrem Umbau. Die ehemalige Sulzer-Industriehalle beherbergt heute u. a. eine Bibliothek der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Sinnbild für die laufende Transformation der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft?

Dass wir in eine Abhängigkeit von Computersystemen gekommen sind, leugnet heute nicht einmal mehr der Endverbraucher, der behauptet, er komme nicht mehr ohne Smartphone aus. Die Abhängigkeiten gehen jedoch viel weiter. Jedes anspruchsvollere medizinische Gerät, jede städtische Strom- und Wasserversorgung und jeder Landwirtschaftsbetrieb greift auf Mikrokontroller, Algorithmen und Netzwerke in irgendeiner Form zurück.

Wir befinden uns im frühen 21. Jahrhundert in einer sehr ähnlichen Situation. Wir stehen am Anfang einer grossen Wende. Zu glauben, wir hätten in Sachen Internet, Informations- und Computertechnologie das Ende der Fahnenstange erreicht, der täuscht sich. Es wäre auch vermessen gewesen, zu Zeiten des Ford-Model T zu behaupten, dass die Entwicklung der Automobile nun abgeschlossen sei. Wer erkennt, welche Innovationen und Erleichterungen und Arbeit in den heutigen Personenwagen steckt, sollte dies realisieren.

Bildungspolitisch sollte diese Entwicklung in der IT viel höhere Wellen schlagen. Die Informationstechnologie müsste in der Schweiz einen viel höheren Stellenwert erhalten und die Ausbildung in diesem Gebiet sollte um jeden Preis gefördert werden. Es ist von grösstem Bedenken, dass die Informatikmittelschule in der Stadt Zürich mangels Bewerbern nun nur noch in der Kantonsschule Hottingen angeboten wird und die Abteilung an der KS Enge schliessen musste. Somit verbleiben zusammen mit der Kantonsschule Büelrain Winterthur nur noch zwei IMS. Eine rückläufige Entwicklung! Auch im neuen Lehrplan 21 ist keine Rede von Programmieren oder Applikationsentwicklung und doch verwendet 97% der Jugendlichen ein Smartphone.

Möchten wir unseren zukünftigen Generationen ein wirtschaftlich attraktives Umfeld hinterlassen, wie wir dies in den letzten rund 150 Jahren in der Schweiz vorfanden, muss in diesem Bereich ein Umdenken und eine Neuausrichtung stattfinden, wir haben nämlich noch so viel vor.

Oder können Sie ihre Nachhilfestunden irgendwo online buchen? Wir bezahlen unsere Kinotickets immer noch meistens an der Kinokasse, ich warte vergebens darauf, an der Migroskasse mit meinem Telefon bezahlen zu können (darüber spricht man schon seit Jahren) und die Idee mit dem Taxidienst bestand schon einige Jahre, bis sie erfolgreich umgesetzt werden konnte.

Im Rahmen des IVE-Workshops wo Studenten Geschäftsideen entwickeln und dazu im Rahmen eines Wettbewerbes einen Businessplan schreiben, wo ich dieses Jahr eine beratende Funktion innehatte, beobachtete ich, dass rund 75% der Geschäftsideen auch dieses Jahr wieder Software oder Hardware als Grundlage hatten. Ein Blick auf die Liste der 100 vielversprechendsten Schweizer Start-Ups zeichnet das gleiche Bild. Und der Bedarf an IT-Dienstleistungen von etablierten Unternehmen ist unbestritten. Schauen Sie sich dazu einfach in Ihrer eigenen Firma um.

Es ist höchste Zeit, die Dinge in die (eigene) Hand zu nehmen und eine nachhaltige IT-Grundlage zu schaffen. Die Ansätze, ein Zürcher Silicon Valley zu schaffen, klingen deshalb wie ein Hoffnungsschimmer.