14. Dez 2016

Education Talk: Was geht, Schule?!

Was ist los mit der Schule?

Wer sich in Bildungsdiskussionen ein wenig umhört, kriegt den Eindruck, dass die Schule nicht mehr dem Bedürfnis der Eltern, ihren Kindern und auch den Lehrern und Lehrerinnen entspricht. Gleich zwei Unzufriedene auf einen Schlag?
Unser Bildungssytem ist so aufgebaut, dass es von unseren Kindern vor allem eines verlangt. Nämlich, dass sie Grundlagen erlernen. Es verlangt zum Beispiel, dass sie mathematische Probleme lösen können. Dafür muss man gelernt haben, wie das geht und genau das bringen wir in der Schule bei. Es verlangt, dass sie die französischen und englischen Verbformen verwenden können. Dafür muss man diese erlernt haben. Es verlangt, dass sie in Deutsch die korrekten Schreib- und Ausdrucksweisen verwenden, um  Beobachtungen und Erkenntnisse füreinander verständlich ausdrücken zu können. Es geht um’s ‚Wie macht man etwas‘. Doch wie werden diese Grundlagen, diese Werkzeuge beigebracht?

 

Grundlagenunterricht für das Schulwesen

Dir und mir und auch den Kindern und Jugendlichen, die jetzt in diesem Moment in der Schule sitzen, wurden und werden diese essenziellen Grundlagen beigebracht. Und hier sind wir beim ersten Punkt, der bewusst oder unbewusst von den Menschen in der heutigen Zeit als Mangel am Schulwesen wahrgenommen wird. Die Schule wird vermehrt dem Auftrag, solide Grundlagen zu vermitteln nicht mehr gerecht.
Und wir tun auch nicht viel, um diesen Zustand zu ändern obwohl wir schon lange könnten. Wir verfügen seit mehr als 20 Jahren über Internet- und Computertechnologie, welche uns die Möglichkeit gäbe, Dinge von der Maschine machen zu lassen, die ein Lehrer bedingt durch sein Menschsein nicht sehr gut kann. Das wäre doch schon ein Anfang. Wir könnten uns beim Vermitteln von Grundlagen wesentlich unterstützen lassen. Ein Beispiel: Das Frustrierendste an kopflastiger Arbeit ist es doch, dass man nach einem Tag oder einer Woche Voci- oder Mathelernen, nach harter Arbeit einfach nichts sieht. Kennst du John Hattie? Eine Koryphäe der Bildungsforschung und eine seiner wichtigsten Botschaften ist: „Make learning visible“. Wieso verwenden wir nicht Computerdaten, um diese Fortschritte zu visualisieren? Ein Tablet weiss auf’s Haar genau, wie viele Textgleichungen ich schon gelöst habe und kann mir aufzeigen, was ich schon kann wenn ich es selber noch nicht sehe. Diese Möglichkeiten würden schon viel dazu beitragen, die Effizienz der Grundlagenvermittlung zu verbessern.

 

Keine Zeit für das Anwenden der Grundlagen

Unsere heutige Schule verwendet so viel Zeit darauf, uns Grundlagen beizubringen und es tut dies mit veralteten Systemen. Es ist uns allen klar, dass wir längst nicht mehr neun Jahre Schulbildung bräuchten, um eine einfache Gleichung auflösen oder avoir und être konjugieren zu können. Wir verbrauchen mit alten und ineffizienten Systemen so viel Zeit, die uns am Ende fehlt, um mit den erlernten Grundlagen zu arbeiten. Es scheint so, als ob wir die ganze Schulzeit damit verbrächten, eine Seifenkiste zu bauen aber es ist schon von Anfang an klar, dass wir nie damit fahren werden. Wie oft hört man als Lehrer: „Sii, wiso bruch ich das für mis Läbe?“ Und oft bleiben die guten Antworten aus, weil die Trennung des Erlernens der Grundlagen von ihrer Anwendung so weit fortgeschritten ist. Weil die Schule auch gar nicht darauf ausgerichtet ist, über das Erlernen der Werkzeuge hinaus zu lehren. Um beispielsweise zu verstehen, was ein Goethe und ein Hesse über uns Menschen sagte. Um zu verstehen, wie ich und du sein könnten. Oder um zu begreifen, wie die Physik unseren Alltag beeinflusst und wie das in der Biologie gelernte meine Müdigkeit am Abend erklärt. Es bleibt allzu oft an dem Punkt hängen, wo wir uns schon wieder aufregen, weil wir „Hypochondrium“ oder „Integral“ nicht verstehen und bis wir uns das mühsam beigebracht haben, ist die Lektion schon wieder um.
Um die Kür der Bildung zu erleben, um sich mit Fragen auseinanderzusetzen bei denen man die erlernten Werkzeuge einsetzen kann, brauchen wir  gute Grundlagen. Grundlagen in Fächern, die von den Gründern der Schule sorgfältig und mit Bedacht ausgewählt wurden. Und trotz dieser offensichtlichen Wichtigkeit hat es bis heute in diesem Land, vielleicht sogar auf diesem Kontinent noch niemand geschafft, unsere Technologie sinnvoll und nutzenorientiert im Bereich der Bildung einzusetzen und die Ineffizienz der alten Systeme zu beseitigen.

 

Welchen Stellenwert E-Learning hat

Ein Vorwurf zu machen wäre verfehlt, sind doch die Entscheidungsträgerinnen in der Politik ausschliesslich ohne diese Technologie aufgewachsen. Man sieht nur das was man kennt und dazu gehören diese neuen Technologien nun mal nicht. Und im übrigen gibt’s bei Schülerinnen und Schüler (kurzfristig) auch keine Stimmen zu gewinnen. Es wäre auch falsch, zu sagen, dass nichts in der Richtung unternommen wurde. Zum Beispiel hat der Zürcher Lehrmittelverlag zum neuen Sekundar-Lehrmittel eine ganze Heerschar von Java-Applets (!) in’s Netz gestellt. Kein Jugendlicher benutzt die, weil sie schon am Tag der Veröffentlichung altbacken und lediglich eine digitale Verlängerung des Buches gewesen sind. Wenn das Buch reicht, dann braucht es auch keine digitale Abbildung davon. Ich möchte nicht namentlich unsere Elterngeneration für diesen Zustand verantwortlich machen, es ist vermutlich der normale Umgang des Menschen mit neuen Technologien. Denn die stiefmütterliche Beziehung zwischen Bildung und Internettechnologie erinnert doch irgendwie auch an die Anfänge des Fernsehens. Mit diesem neuartigen Medium wusste man zu Beginn auch nichts Besseres anzufangen, als darin so etwas wie Theateraufführungen zu zeigen. Man versucht doch stets das Alte in’s Neue zu übertragen. Wir brauchen Zeit, um die Dinge so erkennen zu können, wie sie wirklich sind.
Man wird also interessanterweise besonders in der Bildung dem neuen Medium nicht gerecht und versteht es als andere Darstellungsform für die bestehenden Inhalte. Doch ganz stehen geblieben ist alles nicht. Die Amerikaner – wie so oft – sind in diesen Belangen einen Schritt voraus. Khan-Academy und Memrise sind tolle Beispiele dafür, wie man diese Technologie verwenden kann. Matheaufgaben werden anschaulich dargestellt und Vokabular wird einem unterstützt durch Algorithmen hirngerecht beigebracht, weil das System weiss, welche Wörter ich noch nicht gelernt habe.

 

Zwei Gründe weshalb erste Versuche zur Digitalisierung gescheitert sind

Wieso braucht das niemand hier in unseren Schulen? Es gibt dafür mindestens zwei wesentliche Gründe. Erstens: Das Material ersetzt den Menschen nicht. Das war schon immer so und wird auch mit dem allerbesten Lernprogramm nicht anders sein. Genauso wie eine Schulklasse nicht einfach lernt, wenn ich ihnen „Weltgeschichte“ Band I und II vorsetze, wird sie es auch nicht tun, wenn sie auf den Schreibtischen ein Tablet liegen haben, mit welchem sie zu diesem innovativen Lernprogramm Zugang hätten. Es braucht Menschen, es braucht den Lehrer oder die Lehrerin. Es braucht die menschliche Beziehung.
Viele Versuche, eine Lern-App zu entwickeln, haben diesen zentralen Faktor ausser Acht gelassen und sind deswegen gescheitert. Das aussen vor lassen der Lehrer-Schüler Beziehung – der alles entscheidenden Komponente jedes Lernens – ist der Grund, weshalb diese neuen Ansätze noch keinen nennenswerten Erfolge hervorgebracht haben. Doch selbst mit einem solchen System, das der Lehrer-Schüler Beziehung Rechnung trägt, das Vernetzung fördert und selber intelligent ist, ist noch kein Erfolg garantiert. Womit wir beim zweiten Grund sind, weshalb solche Systeme hierzulande noch keine nennenswerte Verbreitung erlangt haben. Es kommt auf die Inhalte an, welche die Schüler vor sich wiederfinden. Bill Gates sagte zur Frage , weshalb E-Learning nicht vom Boden kommt, dass die Entwickler (und genau das sind sie) viel zu wenig gemacht haben, um die Inhalte, die Aufgaben und Fragestellungen auf den Schulunterricht abzustimmen. Hättest du Interesse, die italienischen oder russischen Buchhaltungsregelwerke mit einem E-Learning Programm zu lernen, wenn es doch bei der Diplomprüfung zum Wirtschaftsprüfer um die Schweizer Regeln gehen wird? Nicht im Geringsten. Und genau so ergeht es der Schülerin, die in einem Verbenkonjugator Verben konjugieren muss, die an der morgigen Verbenprüfung nicht vorkommen. Sie denkt genau so ökonomisch wie wir Erwachsenen und das gilt es ernst zu nehmen. Ohne eine positive Auswirkung auf die Schulnoten wird ein Schüler oder eine Schülerin niemals eine solche Lernform akzeptieren.

 

Hört Schule beim Vermitteln von Grundlagen auf?

Ich fasse zusammen, dass ein Kritikpunkt der Schule die Ineffizienz ist, mit welcher sie Grundlagen vermittelt und dass der träge Umgang mit neuen Methoden dies reflektiert. Angenommen wir schaffen mit unserer Schule den Schritt und erfinden eine Methode, wie wir Grundlagen einfach und ohne Stress vermitteln können. Ist damit unsere Schule gerettet? Ich habe letzthin eine Gruppe aus Sekundarschülern und Sekundarschülerinnen gefragt, was ihre Ziele im Leben sind. Die Antworten „Money“ und „Guete Job“ waren die einzigen, die ich erhalten hatte. Das passt gut zur Tatsache, dass Schüler nur eine Lernform akzeptieren, die eine gute Note zur Folge hat. Und hier vermute ich den zweiten begrabenen Hund, der den Unmut mit der Schule erklären kann. Nebst dem, dass die Schule die Grundlagen nicht mehr richtig vermitteln kann, ist der Fokus offensichtlich stärker auf messbare Leistung gelegt worden. Anette Schavan, ehemalige Deutsche Bundesministerin für Bildung, forderte bereits 2001: „Eine stärker ergebnisorientierte Lern- und Unterrichtskultur muss Ziel aller Maßnahmen sein.“ Ist es also eine weise Entscheidung, in einem so ergebnisorientierten Umfeld nach Möglichkeiten zu suchen, welche die Leistungsorientierung (a.k.a. Verschulung) noch effizienter machen? Würde das nicht zur weiteren Entfremdung führen?
Albert Einstein sagte angeblich: „Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information.“ Wer kann meine Erfahrung messen und beurteilen? Wenn Lernen Erfahrung ist, dann müssen wir unbedingt davon absehen, diese zu bewerten. Sonst sind es keine Erfahrungen mehr. Oder wer sagt, wie ‚gut‘ oder ‚genügend‘ die einzelnen Erfahrungen der Kindergartenkinder war, als sie die Weinbergschnecken von der Strasse gerettet haben? Wenn eine ergebnisorientierte Lern- und Unterrichtskultur Ziel aller Massnahmen ist, dann sind wir bald da, wo wir sagen werden: „Nun Kari, du hast die Schnecken sachter angefasst und vier Schnecken mehr als Seraina gerettet. Du kriegst dafür ein Sternli.“ Wird es in Zukunft bei Kari um seine persönliche Erfahrung oder um’s Bewertung-Abholen gehen? Wird er später als Verwaltungsrat für die Schnecken oder für die Zahlen entscheiden?
Es ist bei ‚Massnahmen‘ in diesem delikaten Kosmos äusserste Vorsicht geboten. Der gut gemeinte Gedanke, den ich oben angeführt habe, dass ein ‚echtes‘ E-Learning System unsere Bildung revolutionieren könnte, wäre bei einem durchschlagenden Erfolg schnell ein Fluch. Denn wir hätten nicht mehr Menschen und Menschinen, die eine innere (nicht messbare) Verbindung zu Erfahrungen und  bewussten Wesen eingehen können, sondern perfekt getrimmte Schnecken-von-der-Strasse-Räumer mit eidgenössischem Fähigkeitenzeugnis.
Ich bin der Überzeugung, dass unsere Schule nur dann wieder zu besserem Ansehen kommt, wenn sie ihre zwei miteinander verbundenen Probleme lösen kann und weiterhin wachsam bleibt und sich den Herausforderungen stellt, die danach kommen werden. In einem ersten Schritt, dass sie sich darüber Gedanken macht, wie sie Grundlagen effizient vermittelt. Und in einem zweiten Schritt, dass sie sich darüber Gedanken macht, wie sie die neu gewonnene Zeit einsetzt, um Raum für Erfahrungen und Beziehungen zu schaffen.
Bild: .marqs / photocase.de